Fünf Erkenntnisse zur Lage und Zukunft des deutschen Mittelstands

Blick nach oben mit viel Himmel: Ein Bauarbeiter steht auf einem Gebäude.


Wie ist der Mittelstand in Deutschland derzeit aufgestellt – und wie ist er für die kommenden Jahr gerüstet? Das Ende Oktober 2021 veröffentlichte KfW-Mittelstandspanel erlaubt einen detaillierten Einblick in die Lage kleinerer und mittlerer Unternehmen. Es zeigt, welche Stärken sie durch die Krise gebracht haben, mit welchen Problemen KMU noch kämpfen und wo Verbesserungspotenzial besteht. Die fünf wichtigsten Erkenntnisse.


1. Anpassungsfähigkeit der Unternehmen hat die Wirtschaft gestützt

Es ist der Reaktionsschnelligkeit und der Entschlossenheit der Unternehmen zu verdanken, dass die deutsche Wirtschaft vergleichsweise stabil durch das Krisenjahr 2020 gekommen ist. Zwar ist der Gesamtumsatz der KMU in Deutschland 2020 gegenüber dem Vorjahr um rund 6 Prozent gesunken. Doch ohne die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen wäre der Rückgang wohl noch größer ausgefallen.

Schon im Frühjahr 2020 hatte fast die Hälfte der Unternehmen Anpassungen an ihrem Angebot beziehungsweise Geschäftsmodell vorgenommen. Vor allem die Digitalisierung hat einen Schub erhalten: Im Gesamtjahr wuchs der Umsatz im digitalen Vertrieb um 24 Prozent gegenüber 2019. Der Anteil der mittelständischen Unternehmen, die digitale Vertriebskanäle nutzen, ist von 17 Prozent auf 22 Prozent gestiegen.


2. Der Mittelstand wirtschaftet äußerst solide

In der Krise hat sich gezeigt, wie gut aufgestellt die kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland sind. Der Anteil der Unternehmen mit negativer Umsatzrendite ist 2020 im Vergleich zum Vorjahr nur um drei Prozentpunkte auf 12 Prozent gestiegen. Die durchschnittliche Umsatzrendite ist sogar fast stabil geblieben beziehungsweise nur leicht von 7,5 Prozent auf 7,3 Prozent gesunken. Zum Vergleich: 2006 lag der Wert noch bei 4,4 Prozent.

Auch die über Jahre aufgebaute Eigenkapitalausstattung der Unternehmen hat für Stabilität in der Krise gesorgt. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote ist 2020 lediglich um 1,7 Prozentpunkte gesunken und lag mit 30,1 Prozent etwa auf dem Niveau von 2016. Anfang der 2000er-Jahre betrug die durchschnittliche Eigenkapitalquote nur rund 18 Prozent.


3. Von Corona zunehmend erholt, aber Materialmangel verzögert den Aufschwung

Die Coronapandemie hält weiter an, doch ihr Einfluss auf die Unternehmen hat deutlich nachgelassen. Im September 2021 gaben nur noch 29 Prozent der KMU an, dass ein coronabedingter Nachfragerückgang bei ihnen zu Umsatzeinbußen führe; im Mai 2021 waren es noch 40 Prozent, im Juni 2020 sogar 61 Prozent. Auch von einer reduzierten Liquidität waren im September lediglich 19 Prozent der Unternehmen betroffen.

Auf dem Höchststand dagegen befindet sich die Zahl der Unternehmen, die von Störungen in der Lieferkette betroffen sind. 25 Prozent der Unternehmen machten bei der Umfrage im September 2021 entsprechende Angaben; im verarbeitenden Gewerbe war es sogar jedes zweite.

Die Kombination aus den Corona-Beschränkungen in der ersten Jahreshälfte und den Lieferproblemen in der zweiten dürfte dafür sorgen, dass die Umsätze des Mittelstands 2021 nicht viel besser ausfallen als im Vorjahr. 36 Prozent der KMU rechnen damit, dass ihr Gesamtumsatz 2021 im Vergleich zu 2020 abnimmt. Betroffen sind vor allem der Handel (45 Prozent) und die Gruppe der sonstigen Dienstleistungsunternehmen (50 Prozent), zu denen zum Beispiel Gastronomie, Tourismus oder Kultur zählen. Aber auch jedes dritte Industrieunternehmen geht von Umsatzeinbußen aus.

Für die kommenden Jahre wird hingegen mit einem Aufschwung gerechnet. Nach den Umsatzerwartungen für die Jahre 2021 bis 2023 befragt, gehen mit 36 Prozent wieder deutlich mehr Unternehmen von höheren Umsätzen aus als von geringeren (22 Prozent).


4. Corona wirkt sich langfristig auf viele Geschäftsmodelle aus

Knapp jedes dritte Mittelstandsunternehmen rechnet damit, dass sich die Nachfrage nach ihren konkreten Angeboten durch die Coronakrise langfristig ändern wird. 17 Prozent der KMU erwarten einen Rückgang der Nachfrage, 14 Prozent eine Zunahme. Am häufigsten gehen Unternehmen im Handel (35 Prozent) von langfristigen Veränderungen aus. Doch auch im Dienstleistungssektor (32 Prozent) und in der Industrie (30 Prozent) erwarten zahlreiche Unternehmen, dass die Coronakrise ihr Geschäftsmodell dauerhaft beeinflusst.


5. Eine Investitionslücke tut sich auf

Dass die Coronakrise zu einer tiefgreifenden und vor allem langfristigen Veränderung der Produktnachfrage führt, dürfte eigentlich bedeuten, dass sich der Investitionsbedarf der Unternehmen erhöht. Um Geschäftsmodelle dauerhaft an die geänderte Nachfrage anzupassen, sind Investitionen häufig nötig. Doch 2020 haben kleine und mittlere Unternehmen deutlich weniger investiert – und 2021 haben ebenfalls viele Unternehmen ihre Investitionspläne auf Eis gelegt.

Um 8,3 Prozent ist das Investitionsvolumen 2020 im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Als Gründe nennt die KfW einerseits die krisenbedingte Unsicherheit, andererseits den Liquiditätsbedarf. Zwar ist der Anteil der Unternehmen, die Investitionen tätigten, aufgrund der notwendigen kurzfristigen Anpassungen zu Beginn der Coronakrise gestiegen. Doch die durchschnittliche Investitionshöhe ist kräftig um 22 Prozent zurückgegangen. Auch das Volumen der Investitionskredite ist um 27 Prozent eingebrochen.

Für 2021 ist nicht mit einer größeren Dynamik bei den Investitionen zu rechnen. Nur 61 Prozent der Unternehmen gaben bei der Befragung im September 2021 an, ihre Investitionsvorhaben in diesem Jahr wie geplant umsetzen zu wollen. Das ist zwar ein minimaler Anstieg gegenüber dem Vorjahreswert (59 Prozent). Doch 2019 lag der Wert noch bei 76 Prozent.

Es deutet sich also an, dass die notwendige Zurückhaltung 2020 und 2021 zu einer Investitionslücke bei vielen Unternehmen führt. In den kommenden Jahren wird wieder mehr investiert werden müssen, um die Lücke zu schließen und Geschäftsmodelle weiterhin zukunftsfähig gestalten zu können.