„Wenn Klimaschutz einen monetären Anreiz hat, dann verändern wir damit die Welt ein bisschen“

Nadine Patheiger und Marcus Schaft stehen nebeneinander

Die treevolution.de GmbH erfasst und kontrolliert Wälder und Baumbestände. Die beiden Gründer*innen Marcus Schaft und Nadine Patheiger haben aber noch mehr vor: Mit der Bilanzierung des in den Bäumen gebundenen Kohlenstoffs wollen sie dazu beitragen, Klima- und Naturschutz wirtschaftlich zu fördern.



Sie haben Anfang des Jahres einen Firmenkredit aufgenommen. Warum ist Ihre Wahl auf den Firmenkredit der ING gefallen?

Nadine Patheiger: Wir haben uns für den Kredit der ING entschieden, weil es super unkompliziert und schnell in der Abwicklung war. Die ING war sehr schnell, schneller als alle anderen. Auch die Antragstellung war einfach. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es so schnell und einfach abgewickelt wird, wie es beworben wird – aber es ging dann tatsächlich sehr zackig.


Wofür haben Sie den Kredit über 460.000 Euro verwendet?

Nadine Patheiger: Anfang des Jahres haben wir sehr viele langfristige Aufträge erhalten und mussten dafür schnell 12 bis 15 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. Unsere Projektstruktur ist allerdings so, dass wir häufig über Monate in Vorleistung gehen – deshalb benötigen wir Liquidität, um unser hochqualifiziertes Personal finanzieren zu können. Vor allem, weil wir ausschließlich mit festangestellten Beschäftigten arbeiten, um eine hohe Qualität und Kontinuität zu gewährleisten. Aber das erfordert eben immer eine gewisse Liquidität, die wir mit dem Firmenkredit gewonnen haben.


Was macht treevolution?

Marcus Schaft: Wir machen Verkehrssicherheitskontrollen von Bäumen, im Wald und im urbanen Raum. Wie ein Auto auf Verkehrssicherheit geprüft werden muss, müssen Bäume ebenfalls regelmäßig geprüft werden, ob sie zum Beispiel durch herabfallende Äste den Verkehr und die Menschen gefährden könnten. Für die Datenerfassung und -kontrolle der Bäume haben wir eine Softwarelösung entwickelt, mit der wir sehr schnell und effizient sind.


Erfassen und kontrollieren Sie nur, oder beraten Sie die Wald- und Baumbesitzer auch?

Marcus Schaft: Wir geben Kunden auch Handlungsempfehlungen, um Bäume verkehrssicher zu machen oder zu erhalten, wenn sie geschädigt sind. Durch den Klimawandel wird das ein immer größeres Thema – aufgrund der Trockenheit und der zunehmenden Unwetter. Bäume sterben früher ab und müssen häufiger gefällt werden. Wir identifizieren auch Nachpflanzstandorte und beraten, wo Bäume nachgepflanzt werden können. Neben den Kontrollen und Beratungen ist die Grundidee von treevolution aber eigentlich, die Kohlenstoffbilanzierung voranzutreiben und wirtschaftlich nutzbar zu machen.


Was meinen Sie mit Kohlenstoffbilanzierung?

Marcus Schaft: Ich komme ursprünglich aus der Wertermittlung, ich bin Sachverständiger für Immobilienbewertung. Bei Anlagen, auf denen auch Bäume stehen, habe ich mir regelmäßig die Zähne ausgebissen, weil es keine einheitliche Wertungsmethodik gab. Ich habe dann eine auf Kohlenstoffbasis definiert, sodass der Baum anhand seiner CO2-Bindung bewertet wird. Dadurch lässt sich ein Baumkataster erstellen, in dem der Wert des gebundenen Kohlenstoffs festgehalten wird. So kann zum Beispiel eine Kommune ihren Baumbestand in Form von Kohlenstoff bilanzieren.


Wird das heute bereits umgesetzt?

Marcus Schaft: Herrsching, unsere Heimatgemeinde, ist die erste Kommune, die das mit unserer Hilfe so umsetzt. Im kürzlich angepassten Klimaschutzgesetz der Bundesregierung wird die Bedeutung der Bilanzierung des gebundenen Kohlenstoffs ebenfalls unterstrichen. Denn darin ist – nach der Intervention durch das Bundesverfassungsgericht – inzwischen die Einbeziehung der CO2-Bindung von Wäldern und Bäumen festgehalten.


Marcus Schaft und Nadine Patheiger lehnen an einem Baum

Was bedeutet das für die Zukunft?

Marcus Schaft: Die Kohlenstoffbilanz wird in Zukunft wirtschaftlich verwertbar sein. Etwa hinsichtlich der CO2-Steuer: Wenn Sie die CO2-Bindung der Vegetation außerhalb eines Gebäudes auf den Energieverbrauch des Gebäudes anrechnen können, sparen Sie Geld. Oder hinsichtlich der Kreditwürdigkeit: Bäume stehen auf einem Grundstück – werden die Bäume in Form von Kohlenstoff bilanziert, steigen der Grundstückswert und somit das Eigenkapital, je mehr CO2 gebunden wird. Dadurch steigt auch die Bonität. Je klimafreundlicher etwa eine Kommune ist, umso besser ist also ihre Bonität.


Spielt der Klimaschutz eine große Rolle für Ihr Unternehmen?

Nadine Patheiger: Wenn wir mit unserer Kohlenstoffbilanzierung dazu beitragen können, dass Klimaregeneration zum Geschäftsmodell wird und einen monetären Anreiz hat, dann verändern wir damit die Welt ein bisschen. Das ist unser Ansatz. Auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eine entsprechende Grundhaltung und sind mit einer gesunden Portion Idealismus unterwegs. Das ist uns auch wichtig.


Ihre rund 55 Mitarbeiter*innen arbeiten alle im Homeoffice, unabhängig von der Corona-Pandemie. Wie funktioniert das?

Nadine Patheiger: Stimmt, unsere Kolleginnen und Kollegen sind bundesweit verteilt im Homeoffice. Das funktioniert sehr gut und hat viele Vorteile. Einerseits müssen wir zu den Bäumen nicht so weit fahren, weil wir in ganz Deutschland verteilt sind. Andererseits haben große Teile unserer Belegschaft Familie, und da wollen wir mit Flexibilität zur Work-Life-Balance beitragen. Unsere Arbeitsverträge sehen zwar 40-Stunden-Wochen vor, aber bei uns teilt sich jeder die Arbeit selbst ein.


Wie schätzen Sie die aktuellen Entwicklungen und politischen Bemühungen im Bereich Klimaschutz ein?

Marcus Schaft: Wir sind auf dem richtigen Weg, aber zu langsam. Die Klimaschutzstrategien, die jetzt eingeschlagen worden sind, fokussieren sich auf das Vermeiden von Emissionen. Das ist gut und sollte auch so ein. Wir müssen aber auch aufpassen, dass wir die Natur erhalten, die das CO2 veratmet, das wir emittieren. Denn wenn die Leistungsfähigkeit der Natur genauso sinkt wie die Emissionen, ändert sich unterm Strich nichts. Deshalb ist der Ansatz von treevolution, die Leistungsfähigkeit der Natur zu erhalten und mit wirtschaftlichen Mitteln zu steigern.



Fotos: Chris Marxen / Headshots-Berlin